Zettels Raum Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt

Sunday, May 18, 2008

Zitat des Tages: Eppler dachte vor, die SPD denkt nach

Berlin (dpa) - Ein Geheimtreffen der SPD-Spitze mit Gesine Schwan sorgt für Spekulationen darüber, ob die SPD einen eigenen Kandidaten für das Bundespräsidentenamt aufstellt.

Beginn einer dpa-Meldung von gestern 22.06, entnommen Newsticker.de.

Kommentar: Wie weiter gemeldet wird, nahmen an dem Treffen auch der Alt-Vorsitzende Jochen Vogel sowie "SPD-Vordenker" Erhard Eppler teil.

Die beiden dürften davon erzählt haben, wie es war, als 1969 die Wahl Gustav Heinemanns durch SPD und FDP der Vorbereitung der sozialliberalen Koalition nach den Bundestagswahlen desselben Jahres diente.

Und Eppler wird vielleicht an das Interview im Januar 2007 erinnert haben, in dem er dies "vordachte":
Irgendwann muss aus der strukturellen linken Mehrheit auch eine linke Regierung erwachsen. Die Differenzen zwischen SPD und Linkspartei sind nicht so tief wie früher die zwischen SPD und KPD.
Der Zug in Richtung Volksfront nimmt Fahrt auf.



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Saturday, May 17, 2008

Monarchie - warum eigentlich nicht?

Durch eine Mail, die mir freundlicherweise zugeschickt wurde, bin ich auf einen am 10. Mai gegründeten Verein aufmerksam geworden. Er heißt "Bund aufrechter bayerischer Monarchisten und Föderalisten", hat das "Ziel des bayerischen Staatsoberhauptes aus dem Hause Wittelsbach" und möchte sich diesem Ziel vorerst dadurch nähern, daß man Lehrern an bayerischen Schulen einschlägige Unterrichtsmaterialien zur Verfügung stellt.

Die WebSite, auf der sich die Informationen darüber finden, heißt "Monarchistische Nachrichen", und das "kaisertreu" in der Webadresse läßt erkennen, daß es um Monarchie allgemein und nicht nur um die Treue zum Haus Wittelsbach geht.



Es geschieht immer wieder einmal, daß mir jemand eine Mail schickt in der Erwartung oder Hoffnung, daß sie einen Artikel in ZR anregt. Daß ich das im jetzigen Fall aufnehme, mag Stammleser von ZR zu der kopfschüttelnden Frage veranlassen, ob ich denn, zusätzlich zu den sonstigen gedanklichen Kapriolen, die mir gelegentlich angelastet werden, nun auch noch zum Monarchisten geworden bin.

"Hm, hm, ..." lautet meine Antwort, und statt ihn zu schütteln, wiege ich den Kopf.

Denn einerseits bin ich gewiß durch die Nachricht von der Gründung dieses Vereins zu nichts geworden, was ich nicht schon war. Andererseits - war ich vielleicht schon, bin ich also vielleicht ein Monarchist?



Als ZR noch jung und sehr klein war, im August 2006, habe ich mich schon einmal mit der Monarchie befaßt; in einem Artikel, in dem das zu lesen ist, was ich sonst jetzt hier schreiben würde.

Vielleicht ist dieser Artikel ein Lob der Monarchie; jedenfalls steht darin Positives über die europäischen Monarchien.

Es steht darin Positives, denn wenn man vorurteilslos an die Sache herangeht, dann kann der Vergleich zwischen Monarchien und Republiken nur zugunsten der Monarchien ausgehen.

Alles in allem ist es denjenigen europäischen Ländern, die ihre Monarchen behalten haben, statt sie im 19. Jahrhundert oder nach dem ersten Weltkrieg davonzujagen, besser gegangen als vielen Republiken. Ganz sicher ist es ihnen nicht schlechter gegangen, den Briten und Schweden, den Luxemburgern und Norwegern und nicht zuletzt den Spaniern, denen die Monarchie den friedlichen Übergang von der Franko- Diktatur in die Demokratie ermöglicht hat.



Demokratie und Monarchie - das sind ja keine Gegensätze. Eine demokratische politische Verfassung ist in keiner Weise an die Staatsform der Republik gebunden. Eher im Gegenteil, möchte man sagen.

Die schlimmsten Diktaturen waren und sind Republiken; von den Staatswesen Hitlers, Stalins, Maos, Pol Pots und Saddams bis zu den heutigen Diktaturen im Iran, in Cuba, in Nordkorea.

Oder nehmen wir Indochina und den arabischen Raum: In der Monarchie Thailand geht es entschieden demokratischer zu als in den Republiken Vietnam und Burma alias Myanmar. Ebenso finden sich Ansätze zu einer Mehrparteien- Demokratie unter den arabischen Ländern nicht in Republiken wie Algerien und Syrien, sondern in den Monarchien Marokko und Jordanien.



Und also?

Nein, wir werden in Deutschland nicht wieder eine Monarchie bekommen; auch nicht in Bayern.

Aber dem "Bund aufrechter bayerischer Monarchisten und Föderalisten" wünsche ich dennoch gute Arbeit. Träumen darf man ja in der Politik. Und ein Bund, der von einer Monarchie träumt, ist mir entschieden lieber als Parteien und Vereinigungen, die vom Sozialismus träumen.



Mit Dank an Martin Spannbrucker. Für Kommentare zu diesem Artikel gibt es einen Thread in "Zettels kleinem Zimmer". Dort findet man auch eventuelle Aktualisierungen und Ergänzungen.

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Marginalie: Die Platitüden des Popstars Dalai Lama

Einen "Popstar" nennt die "Welt" den Dalai Lama in der Überschrift eines Artikels, in dem Mariam Lau seinen Auftritt in Bochum schildert. Auszug:
Zwischen seinen eher schlichten, oft an Kalenderblätter erinnernden Sentenzen bricht er in ein äußerst gewinnendes Pferdelachen aus. Einmal wendet er sich an die Damen. "Sie geben viel Geld aus für äußere Schönheit. Some colour! Some lipstick! Isn’t it!? Hahaha!" Dabei komme es auf die innere Schönheit an!

Es folgt ein Vortrag über Globalisierung, bei dem der Dalai Lama seiner Selbstbeschreibung als "Alt-Marxist" alle Ehre macht. Dass die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer werden, dass die lokale Ökonomie zu oft dem Konglomerat weichen müsse, dass wir dagegen alle immer enger zusammenrücken müssen, gleiche Rechte bekommen und so weiter und so fort.
Und so weiter und so fort. So kennt man ihn. So habe ich ihn jedenfalls in allen Reden und Interviews erlebt, die ich gesehen habe.

Hier ist ein Beispiel aus einem Interview mit Larry King am 11. September 2005, als vier Jahre nach 9/11 in New Orleans die "Katrina"- Katastrophe auf ihren Höhepunkt war. King befragte den Dalai Lama zu beiden Ereignissen:
KING: Your Holiness, what do you say to Americans who have faced so much in the last four year? Four years ago today the tragedy in New York and now this? What do you say? I know you offer a lot of help in many ways, but what do you say to the people of this county?

DALAI LAMA: I deal firstly with the September 11 event, this is manmade disaster and our current disaster that is natural sort of event. So I think -- I think in both cases is it the (UNINTELLIGIBLE) of suffering (UNINTELLIGIBLE) those people on the spot. Is they suffer much. So now, I think very important, this moment should not lose hope. And some cases I think people now lost everything. Now these people must build -- rebuild their new home and prosperity of future -- new future. So now here important is self confidence and should not give up your effort. That's, I think, the very important. According our own experience -- my own experience is in no matter how sort of difficulties, how painful experience is, if we lose our hope that's our real disaster. But without losing hope and determination and we can work on these problems, this suffering.

KING: Eure Heiligkeit, was sagen Sie den Amerikanern, denen in den letzten vier Jahren so viel widerfahren ist? Heute vor vier Jahren die Tragödie in New York, und jetzt das? Was sagen Sie? Ich weiß, daß sie auf viele Arten eine Menge Hilfe anbieten, aber was sagen Sie den Menschen unseres Landes?

DALAI LAMA: Ich befasse mich erst mit dem Ereignis des 11. September, das ist von Menschen verursachtes Desaster und unser jetziges Desaster, das ist eine natürliche Art von Ereignis. Also ich denke - ich denke, in beiden Fällen ist es das (UNVERSTÄNDLICH) des Leidens (UNVERSTÄNDLICH) der Menschen vor Ort. Ist sie leiden viel. Und manche Fälle, ich denke die Menschen verloren jetzt alles. Jetzt müssen diese Menschen ihr Heim bauen - ihr neues Heim wieder aufbauen und ihren Wohlstand von Zukunft - neue Zukunft. Also jetzt hier wichtig ist Selbstvertrauen und sollte nicht sein Bemühen aufgeben. Das ist, denke ich, das sehr wichtige. Nach unserer eigenen Erfahrung - meine Erfahrung ist, egal wie Art von Schwierigkeiten, wie schmerzhaft Erfahrung ist, wenn wir unsere Hoffnung verlieren, ist das unser wirkliches Desaster. Aber ohne die Hoffnung und Entschlossenheit zu verlieren und wir können an diesen Problemen arbeiten, diesem Leiden.
Ich habe versucht, das Englisch des Dalai Lama auf ähnlichem sprachlichem Niveau zu verdeutschen. Aber nicht um das - für jemanden, der fast sein ganzes Leben in Indien zugebracht hat - erstaunlich unbeholfene Englisch geht es mir, sondern um die Plattheit der Äußerung. Von jedem beliebig herausgegriffenen Passanten, dem man ein Mikrophon hinhält, hätte man solche Sätze bekommen können.

Und das ist, wie gesagt, keine Ausnahme. Ehrlich gesagt, ich kann mich an keinen Auftritt des Dalai Lama erinnern, wo er nicht in solchen Platitüden geredet hätte. Mit Ausbrüchen von Lachen, ja. Von mir aus eines gewinnenden Lachens, das ist Geschmackssache. Aber im intellektuellen Niveau so wie dieser zitierte Ausschnitt.



Recht betrachtet ist das ja auch nicht erstaunlich. Die geistlichen Führer des Christentums, des Judentums, des Islam sind in ihre Ämter durch herausragende Leistungen als Theologen und Seelsorger gekommen. Der Dalai Lama ist in sein Amt gekommen, weil er als Zweijähriger im Jahr 1937 als die Reinkarnation des dreizehnten Dalai Lama, Thubten Gyatso, erkannt wurde.

So redet er, scheint mir. Wie ein beliebig herausgegriffener Sohn armer Leute aus Tibet eben redet, auch wenn er eine geistliche Ausbildung erfahren hat.

Ich kann mich täuschen. Ich kenne ja nicht mehr als Interviews und Reden des Dalai Lama als öffentliche Figur. Vielleicht ist er als Lehrer, als Autor ungleich bedeutender. Aber es könnte doch auch sein, daß er genau so ist, wie er sich bei seinen öffentlichen Auftritten gibt.

Er wäre dann wohl das Opfer ständigen Mißverstehens. Der Heilige Mann muß doch Kluges, ja Weises sagen; das wird vorausgesetzt. Er ist ein Orientale, ein Buddhist; da billigt man ihm zu, in Rätseln, in Andeutungen zu sprechen. Er redet Englisch, und das versteht man eh nicht gut. Im Zweifelsfall wird man ihm einen Sinn zugestehen, den man, nun ja, so eigentlich nicht wirklich gehört hat, aber den man doch vermutet.

Er muß doch in schönen Kleidern einherfahren, der Kaiser.



China ist nach meiner Auffassung eine Kolonialmacht, die ihre Kolonie Tibet mit brutaler Gewalt unterdrückt; das Streben der Tibeter nach Freiheit ist in jeder Hinsicht gerechtfertigt und unterstützenswert. Sie verstehen sicherlich, warum ich diesen Satz anfüge.



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Friday, May 16, 2008

Zitat des Tages: "Reichlich neoliberal". Über eine Begriffsverwirrung

Das abzuschaffen klingt aber reichlich neoliberal.

"Zeit"-Chefredakteur Giovanni die Lorenzo zu Helmut Schmidt in der aktuellen Folge des wöchentlichen Gesprächs "Auf eine Zigarette" im "Zeitmagazin Leben".

Diese Bemerkung machte di Lorenzo, weil Schmidt gesagt hatte:
Ich bin dagegen, daß der Staat private Verbände mit quasistaatlicher Macht ausstattet. Wenn Sie etwa einen Friseurladen aufmachen, werden Sie von Gesetzes wegen gezwungen, der Innung und der Handwerkskammer anzugehören - warum?

Kommentar: Mir kommt diese kleine Passage doppelt entlarvend für das sogenannte linksliberale Denken vor, für das di Lorenzo repräsentativ ist.

Erstens, was das Verständnis dessen angeht, was man "neoliberal" nennt.

Die Zwangsmitgliedschaft in Handwerkskammern ist bekanntlich ein Relikt aus dem Mittelalter; eine Fortsetzung des Zunftwesens, auf das Kaiserreich zurückgehend und von den Nazis verschärft.

Wenn Schmidts Vorschlag, diesen alten Zopf abzuschneiden, bereits "neoliberal" ist, dann war ja vielleicht auch die Einführung der Gewerbefreiheit mit den Stein- Hardenberg'schen Reformen von 1810 "neoliberal". (Damals war übrigens die Zwangsmitgliedschaft in den Zünften abgeschafft worden, die dann als Zwangsmitgliedschaft in den Handwerkskammern wieder auflebte).

Also, das abzuschaffen wäre aus der Sicht von die Lorenzo "neoliberal". Was wunderbar die Begriffsverschiebung illustriert, die gegenwärtig stattfindet:
  • Lupenrein linkes, etatistisches Denken, wie di Lorenzo es repräsentiert, wird "linksliberal" genannt, obwohl es mit Liberalismus ungefähr so viel zu tun hat wie Humus mit Humanismus.

  • Und wer liberale Auffassungen vertritt, die so "neo" sind, daß schon der Reichsfreiherr Friedrich Karl vom und zum Stein ihnen zur Geltung verholfen hat, der wird als "neoliberal" herabgesetzt.
  • Ja, herabgesetzt. Denn das ist der zweite Aspekt, den die Bemerkung von die Lorenzo illustriert: Die Verwendung des Begriffs "neoliberal".

    Givovanni di Lorenzo entgegnet Schmidt ja nicht: "Dann vertreten Sie in diesem Punkt also eine neoliberale Auffassung?", sondern er sagt: "Das abzuschaffen klingt aber reichlich neoliberal". So, wie man sagt: Das klingt aber reichlich abwegig.

    Etwas neoliberal zu nennen ist aus der Sicht von di Lorenzo offenbar etwas, das man jemandem vorhalten, das man als einen Einwand formulieren kann.

    Die Agitprop der Linken - mir scheint dieses Wort hier durchaus angemessen - hat es in der Tat verstanden, den Begriff "neoliberal", der ja nur für bestimmte wirtschaftspolitische Auffassungen steht und völlig wertneutral ist, zu einem herabsetzenden Wort zu machen.

    Das ist so gut gelungen, daß nach meiner Beobachtung viele, die sich als Neoliberale verstehen, es geradezu ängstlich vermeiden, sich selbst so zu nennen. So, als sei das etwas Unanständiges.

    Schmidt, souverän wie immer, hat sich auf eine Diskussion darüber nicht eingelassen. Seine Antwort ist Schmidt at his best - kurz, schneidend, den Punkt treffend, und auch ein wenig ironisch: "Ich finde, es klingt vernünftig".



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    250.000

    Gestern wurde in ZR der zweihundertfünfzigtausendste Besucher gezählt. Das heißt nicht, daß eine Viertelmillion Menschen den Blog besucht haben: es heißt, daß er eine Viertelmillion Mal aufgerufen wurde. Von Stammlesern, von gelegentlichen Lesern, auch von denen, die der Zufall des Googelns hierher verschlagen hat.

    In einigen Wochen - am 4. Juni - wird ZR zwei Jahre alt. Dann wird es, denke ich, einen kleinen Rückblick und Ausblick geben.

    Vorerst möchte ich nur Allen danken, die sich die Zeit genommen haben, das eine oder andere zu lesen und - dafür mein besonderer Dank! - es in "Zettels kleinem Zimmer" zu kommentieren. Es bedarf, um dort zu kommentieren, eines zusätzlichen Klicks und einer einmaligen Anmeldung; dafür gibt es den Komfort eines klassischen "Forums", was die Anordnung und Gestaltung der Kommentare und Diskussionsbeiträge angeht.

    Auch für diesen jetzigen Artikel habe ich einen Thread eingerichtet; mit der Einladung, dort zu schreiben, was immer Sie zu ZR schreiben wollen. Kritik und Anregungen sind besonders willkommen.



    Von den 1040 Artikeln, die bisher in ZR erschienen sind, habe ich einige in besonderer Erinnerung.

    Natürlich den allerersten Artikel, mit dem ich mich aus Schrippes Forum verabschiedet und ZR eröffnet habe. Nie hätte ich mir vorstellen können, daß zwei Jahre später Schrippe nicht mehr am Leben sein würde.

    Dann die Nachrufe, die Hommages - gewidmet Rudolf Augstein, Robert Gernhardt, Walter Kempowski zum Beispiel.

    Und die Serien. Anfangs waren es eigentlich nur längere Artikel, die ich in mehrere kurze aufgeteilt habe, zum Beispiel die Serie über Arabiens Misere. Dann kamen andere hinzu, deren Ende offen ist, zum Beispiel die "Ketzereien zum Irak" und die "Gedanken zu Frankreich".

    Anderes entwickelte sich zu einer faktischen kleinen Serie, obwohl es nicht so beabsichtigt gewesen war und die Artikel deshalb auch nicht als Serie gekennzeichnet sind; beispielsweise die Beiträge zu dem Film "Das Leben der Anderen", der mich beeindruckt hat wie selten ein Film.

    Und dann möchte ich noch den Artikel erwähnen, mit dem diesem Blog, als er noch arg unbekannt war, am 27. Januar 2007 der "Durchbruch" gelang: "Über die Haftbedingungen in Guantánamo"; noch immer einer der meistgelesenen und meistzitierten. Leider hat sich das, was ich dort damals geschildert habe, wohl noch immer nicht verändert; jedenfalls ist davon nichts bekanntgeworden.

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    Thursday, May 15, 2008

    Kurioses, kurz kommentiert: "... von militanten Linksradikalen kaum zu unterscheiden"

    Sie sind von militanten Linksradikalen kaum zu unterscheiden: Rechtsextreme Autonome verzeichnen regen Zulauf, auf Neonazi-Demos kommt es plötzlich zu Gewaltexzessen neuer Qualität. Den Hooligans ist die NPD zu bieder, sie suchen spontane Brutalität - die Sicherheitsbehörden sind alarmiert.

    Vorspann zu einem Artikel von Philipp Wittrock in "Spiegel Online" über Neonazis. Erster Satz des Artikels: "Auf dem Transparent steht 'Kapitalismus bekämpfen'."

    Kommentar: Alarmiert sind die Behörden, weil Teile der Rechtsextremen sich jetzt benehmen wie bisher nur Linksextreme. Auch die Parole "Kapitalismus bekämpfen" klingt ja nicht unbedingt, als hätten die Rechtsextremen sie erfunden.

    Ob solche Parolen, ob solche kriminellen Methoden vielleicht erst von den Rechtsextremen übernommen werden müssen, damit endlich erkannt wird, wie inakzeptabel sie in einem demokratischen Rechtsstaat sind?



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    Marginalie: Kommunisten, Extremisten und das Grundgesetz

    Auf Vorabmeldungen über den Bericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz, wonach die Partei "Die Linke" "von kommunistischen Altkadern und Linksextremisten unterwandert" sei, hat in der "Süddeutschen Zeitung" Thorsten Denkler mit einem famosen Vorschlag reagiert:
    Wenn die Linke eine durch und durch demokratische Partei sein will, dann muss sie den Extremisten in ihren Reihen sagen, dass sie nicht erwünscht sind.
    Ich habe dazu in "Zettels kleinem Zimmer" eine kleine Antwort geschrieben.

    Aber wer bin ich, daß ich ein Recht hätte, auf die Anregung des Redakteurs Denkler zu antworten? Maßgeblich ist, was ein Kompetenterer dazu gesagt hat, nämlich der Bundesgeschäftsführer von "Die Linke", Dietmar Bartsch, laut der heutigen "Jungen Welt":
    Der Bundesgeschäftsführer der Linkspartei, Dietmar Bartsch, sprach am Mittwoch von einer "Unverschämtheit" und forderte Schäuble auf, "die Beobachtung und Erfassung von Mitgliedern der Partei Die Linke unverzüglich einzustellen – unabhängig davon ob Kommunistische Plattform, Cuba Sí oder andere." Der Politiker betonte, die Linkspartei habe sich "stets ohne Einschränkung zum Grundgesetz bekannt".
    Ich fürchte, da wird Thorsten Denkler mit seinem sicherlich gut gemeinten Vorschlag wohl auf Granit beißen. Es sieht ganz so aus, als seien die Kommunisten nicht bereit, die Kommunisten aus ihren Reihen auszuschließen.



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    Zitat des Tages: Hillarys (Freud'scher?) Versprecher

    So I'm going to work my heart out for whoever our nominee is. Obviously, I'm still hoping to be that nominee. But I'm going to do everything I can to make sure that anyone who supported me, the 17 million people who have voted for me, understand what a great error it would be not to vote for Senator McCain -- Senator Obama and against Senator McCain.

    (Also werde ich mich abrackern für den Nominierten, egal, wer es ist. Natürlich hoffe ich immer noch, dieser Nominierte zu sein. Aber ich werde alles tun, was ich kann, um dafür zu sorgen, daß jeder, der mich unterstützt hat, die 17 Millionen Menschen, die für mich gestimmt haben, verstehen, was für ein großer Fehler es wäre, nicht für Senator McCain -- Senator Obama und gegen Senator McCain zu stimmen).

    Hillary Clinton gestern im Interview mit Wolf Blitzer von CNN; Hervorhebung von mir.



    Kommentar: Ob sich da nun, wie Freud für solche Fälle meinte, ein unterdrückter Gedanke von Hillary Clinton Bahn gebrochen hat, oder ob sie nur im Gestrüpp doppelter Verneinung hängengeblieben ist - passend war ihr Versprecher jedenfalls.

    Denn das Umschwenken von John Edwards, der noch vor vier Tagen eine Parteinahme abgelehnt hatte, macht den Sieg Obamas so gut wie sicher. Mit dem Coup, Edwards' Entscheidung für Obama in einer großen Show just am Tag nach dem Sieg Clintons in West Virginia anzukündigen, hat Obama, wie es Bill Schneider von CNN formulierte, Clinton den coup de grâce gegeben, den Gnadenstoß. (Siehe diesen Thread in "Zettels kleinem Zimmer", in dem ich den Ablauf der Ereignisse chronologisch verfolgt habe).

    Jetzt mag Clinton tief in ihrem Herzen schon wünschen, daß McCain gewinnt. (Vielleicht bekommt sie dann ja 2012 ihre Chance). Aber nach außen muß sie demnächst wohl Obama unterstützen, so schwer es fällt.

    Es sind just solche Konflikte zwischen dem, was man eigentlich denkt, und dem, was man sagen muß, die, wenn wir Freud folgen, zu Versprechern führen.



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    Marginalie: Zar Putin und sein Hadschi Halef Omar

    Als ich im russischen Nachrichtensender Russia Today die Szene sah, wußte ich, daß da etwas nicht stimmte. Aber es dauerte einen Augenblick, bis ich merkte, was da nicht stimmte.

    An einem Schreibtisch saßen sich Präsident Medwedew und sein Premierminister Putin gegenüber. Putin war zum Präsidenten gekommen, um ihm seinen Vorschlag für die Kabinettsliste zu überreichen.

    Aber es sah - das wurde mir nach einigen Augenblicken klar - nicht so aus, als suche Putin Medwedew auf, sondern als suche Medwedew Putin auf. Putin saß entspannt da, sozusagen breitbeinig, wenn man denn breitbeinig sitzen kann. Medwedew saß da, wie halt ein Besucher dasitzt: Fast auf der Stuhlkante, angespannt.

    Als ich mich später an die Szene zu erinnern versucht habe, kam es mir so vor, als hätte Putin auch auf der Seite des Schreibtischs gesessen, auf der dessen Besitzer seinen Platz hat - wo also die Schreibmappe liegt, das Telefon steht usw. Und als hätte er im höheren, größeren Chefsessel gethront als sein Besucher Medwedew.

    Der doch der Chef ist, und Putin war in dieser Szene sein Besucher.



    Nicht so ganz. Über den Blog von Vincent Jauvert beim Nouvel Observateur (ich habe diesen ausgezeichneten Journalisten kürzlich hier zitiert) bin ich nämlich auf eine Bericht von Reuters über diese Szene aufmerksam geworden.

    Illustriert mit einem Bild der Situation. Man sieht die beiden, wie sie sich gegenübersitzen; Putin herrisch, Medwedew beflissen. Allerdings fehlt das Schreibgerät und das Telefon auf dem Tisch. Das war eine typische Erinnerungstäuschung gewesen.

    Warum typisch? Weil sie das sozusagen visualisierte, was in der Tat der Fall gewesen war.

    Putin hatte auf der Seite des Tischs Platz genommen, auf der er bei solchen Ereignissen als Präsident immer gesessen hatte. Und Medwedew saß dort, wo er als Mitarbeiter Putins immer gesessen hatte.

    Freilich hatte es zuvor einen kleinen Dialog gegeben. Putin hatte Medwedew den Platz des Präsidenten angeboten: "Das ist jetzt Ihr Platz". Worauf dieser antwortete: "Was macht das schon für einen Unterschied?". Und sich auf seinen alten Platz, den des Mitarbeiters, des Besuchers setzte.



    Es wird viel darüber gerätselt, wie wohl das "Gespann", das "Tandem" Medwedew- Putin zusammenarbeiten wird. Mir scheint, die kleine Szene macht es deutlich: Wie Kara ben Nemsi und Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah.



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    Wednesday, May 14, 2008

    Marginalie: Kann Hillary Clinton aus ihrem Triumph in West Virginia noch Kapital schlagen?

    "Clinton crushes Obama across the board", also ungefähr "Clinton fegt Obama hinweg" titelt CNN im Augenblick.

    In der Tat: Clinton hat West Virginia nicht einfach nur gewonnen, sondern sie hat es mit 67 zu 26 Prozent überwältigend gewonnen. Und das, obwohl sie schon als erledigt abgetan worden war. Die Wähler in West Virginia sahen das anders; vielleicht drückt sich in ihrem Votum ja auch so etwas wie eine Trotzreaktion gegen die Großkopfeten in Washington und in den Leitmedien aus, die über Hillary Clinton bereits den Stab gebrochen hatten.

    Kann sie dieser Sieg noch retten? Ihr Strategie sieht, folgt man der amerikanischen Presse, so aus:
  • Erstens will sie erreichen, daß die Ergebnisse der Primaries in Michigan und Florida nachträglich doch noch anerkannt werden. Die Parteiführung der Demokraten hatte ihnen (schon im voraus) die Anerkennung verweigert, weil die örtlichen Parteiorganisationen sich nicht an den von der Zentrale vorgegebenen Zeitplan gehalten hatten. Werden diese Ergebnisse - es hatten sich immerhin 2,3 Millionen Wähler beteiligt - nachträglich legitimiert, dann schmilzt der Vorsprung Obamas bei den Delegierten.

  • Die Superdelegierten schwenken zwar im Augenblick zu Obama, aber Clinton versucht sie zurückzuholen. (Wenn ein Superdelegierter sich für einen Kandidaten ausspricht, dann ist das völlig unverbindlich. Er kann seine Meinung bis zum Augenblick der Nominierung jederzeit ändern). Clinton wiederholt immer wieder das Argument, daß sie selbst weit besser als Obama in der Lage sei, die swing states zu erobern; also diejenigen Staaten, die mal republikanisch und mal demokratisch wählen. Die Mehrheiten dort - und nicht der popular vote, also die Gesamtzahl der Stimmen - entscheiden bekanntlich, wer Präsident wird.
  • Die Bedeutung des Ergebnisses gestern in West Virginia liegt darin, daß es ein solcher swing state ist.

    In diesen Staaten waren in den achtziger Jahren viele traditionell demokratisch wählende Bürger aus der Arbeiterschicht zu Ronald Reagan übergelaufen (die sogenannten Reagan Democrats), weil sie die linksintellektuelle Führung der Demokraten ablehnten. Billy Clinton hatte sie wieder für die Demokraten gewonnen.



    Kann diese Doppelstrategie Clintons aufgehen? Viele - beispielsweise die Washington Post - meinen, daß es dafür zu spät sei.

    Warum kämpft Clinton so verbissen weiter? Eine immer wieder zu lesende Spekulation ist, daß sie damit ihre Attraktivität als Kandidatin für die Vizepräsidentschaft steigern möchte.

    Wird Obama nominiert, dann ist er völlig frei darin, wen er zu seinem running mate macht. Wenn aber Clinton eindeutig seine Wahlchancen bei gerade denjenigen Wählern verbessern würde, bei denen er selbst schwach dasteht, dann könnte das für ihn ein Argument sein, sich für Clinton als seine Nummer zwei zu entscheiden.

    In CNN hat vergangene Nacht ein Redakteur darauf hingewiesen, daß es just so nach der Nominierung von John F. Kennedy gelaufen ist. Dieser machte damals seinen schärfsten Konkurrenten in den Vorwahlen, Lyndon Johnson, zu seinem Vize, weil dieser genau die Stimmen (damals von Southern Democrats) holen konnte, die Kennedy allein nicht bekommen hätte.



    Siehe auch die immer lesenswerte Berichterstattung von Florian Heinhold in Pennsylvania Ave.



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    Zitat des Tages: Kommunisten unterwandern Kommunisten

    Der Verfassungsschutz sieht "offen extremistische Strukturen" bei den Linken. Die Partei von Gregor Gysi und Oskar Lafontaine sei von kommunistischen Altkadern und Linksextremisten unterwandert, heißt es im Jahresbericht.

    "Spiegel Online" über Inhalte des noch unveröffentlichten Jahresbericht des Verfassungsschutzes mit Berufung auf einen Bericht der "Bild-Zeitung".

    Kommentar: Unterwandert? Dann war am Ende schon die SED von Kommunisten unterwandert?



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    Tuesday, May 13, 2008

    Marginalie: Warum sind Lebensmittel in Deutschland so billig und in Frankreich so teuer?

    Jeder Frankreichurlauber weiß, daß in Frankreich die Lebensmittel teurer sind als in Deutschland. Um genau 14 Prozent, für den Lebensmittel- Warenkorb einer durchschnittlichen Familie; so steht es im aktuellen Nouvel Observateur.

    Warum ist das so? Odile Benyahia-Kouider, die Autorin des Artikels, nennt zwei Hauptgründe:
  • Die französische Reglementierungswut ("hyper- réglementation"), die, so zitiert sie einen Ökonomen, "a totalement stérilisé la concurrence. La distribution française vit dans un régime de prix administrés". Die Konkurrenz sei völlig kaltgestellt. Der französische Handel lebe in einem System behördlich kontrollierter Preise.

  • Konsequente Discounter wie Aldi und Lidl spielen in Frankreich längst nicht die Rolle wie in Deutschland. Sie haben nur einen Marktanteil von 13 Prozent, gegenüber 40 Prozent in Deutschland. Dank ihrer Marktmacht können die Discounter in Deutschland mit den Herstellern deren Preise aushandeln. In Frankreich hingegen würde, so sagte es ein Vertreter von Lidl gegenüber der Autorin, die Hersteller die Preise "dekretieren".
  • In der Regierung Fillon gibt es jetzt Bestrebungen, die Reglementierung des französischen Handels durch zahllose Gesetze ein wenig zu lockern.

    Was das Kartell der großen Handelsketten in Unruhe versetze, heißt es in dem Artikel.



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    Zettels Meckerecke: Oper im TV - dreimal kurz gemeckert

    Arte übertrug gestern Abend "Cosí fan tutte": Eine opulente, muntere Aufführung des Festivals von Aix- en- Provence. Wie schön, wenn Mozart, wie hier von Patrick Chéreau, als Mozart inszeniert wird, statt daß ein Regisseur einen Komponisten, einen Autoren mißbraucht, um uns an seiner Weltanschauung und/oder seinen untherapierten neurotischen Konflikten teilhaben zu lassen.

    Soweit ist da nichts zu meckern. Arte zeigte die Aufzeichnung einer gelungenen Inszenierung.

    Eine Aufzeichnung. Und there's the rub. Wer aufzeichnet, kann weglassen. Der Endverbraucher zum Beispiel kann, wenn er aufgezeichnet fernsieht, die Werbepausen im Film weglassen. Und die Verantwortlichen des Fernsehens die Pausen im Theater.

    Ja, glauben sie denn, ein Stück von - wie hier - drei Stunden hätte nur deshalb eine Pause, damit die Bühne umgebaut werden kann? Finden sie selbst, wenn sie in die Oper oder ins Theater gehen, es denn nicht erfreulich, daß man zur Halbzeit sich die Beine vertreten, ein wenig über das Gesehene und Gehörte plaudern, einen Piccolo trinken kann? Und sonstiges tun, wozu es einen ja vielleicht drängt?

    Niemand - na gut, fast niemand - würde im Theater oder in der Oper drei Stunden ohne Pause spielen. Warum wird dann im TV in der Regel die Aufzeichnung ohne Pause gesendet? Hat man einen Vertrag mit den Herstellern von Festplatten- Empfängern mit Time Shift- Funktion?



    Nun gut, man kann sich natürlich als Zuschauer, dem diese Funktion nicht zur Verfügung steht, selbst die Pause nehmen und einen Teil der Aufführung verpassen. Auch beim Fußball kommen viele Zuschauer ja erst wieder von den Klos und Bratwurst- Buden ins Stadion, wenn längst wieder angepfiffen ist.

    Ich weiß nicht, wie das am Sonntag war, als die Aufzeichnung einer Oper nicht drei, sondern geschlagene fünf Stunden lang gesendet wurde, die der Wiener "Meistersinger" in 3Sat. Denn wir haben diese Sendung nicht gesehen. Teils wegen der abschreckenden Länge. Teils aber auch, weil ein Service fehlte, der bei der Übertragung von Opern selbstverständlich sein sollte: Die Untertitelung.

    Es mag ja Genies der rezeptiven Sprachverarbeitung geben, die einen gesungenen Wagner- Text verstehen können. Ich nicht; jedenfalls überwiegend nicht.

    Wenn ich aber Sprache höre, auch gesungene, dann versuche ich sie zu verstehen. Wenn das anstrengend ist, wenn es fortlaufend sogar mißlingt, dann komme ich mir vor wie ein Schwerhöriger oder wie jemand, der einer Konversation auf Griechisch zu folgen versucht. Nein, danke.

    Gewiß, es gibt Musikbegeisterte, die die wichtigsten Libretti so einigermaßen auswendig können. Es gibt vermutlich auch Menschen, denen es nichts ausmacht, nichts zu verstehen, sofern sie nur ungefähr die Handlung kennen. Sie kommen ja wegen der Musik, vielleicht noch wegen der Kostüme und der Kulissen in die Oper. Es sei ihnen gegönnt, aber ich bin da halt anders. Ich will verstehen, was mir geboten wird.

    Nicht nur ich scheine dieses Bedürfnis zu haben, und es scheint auch nicht neu zu sein. Meine Großeltern pflegten nicht nur mit dem "Opernglas" in die Oper zu gehen, sondern auch mit kleinen Textbüchlein, in denen sie gelegentlich mitlasen, wenn es hell genug dafür war.

    Heute ist es für die Bühnentechnik natürlich kein Aufwand mehr, den Text zu projizieren. Erst recht ist es für das TV das Leichteste von der Welt, eine Aufführung zu untertiteln. Warum tat man es nicht, als gestern fünf Stunden lang Wagner übertragen wurde, von viertel nach neun bis viertel nach zwei?



    Ja, von viertel nach neun bis viertel nach zwei. Womit ich bei der dritten Meckerei bin. Was denken sich die für das Programm Verantwortlichen bei solchen Sendezeiten? "Cosí fan tutte" begann gar erst um halb elf und lief bis halb zwei in der Nacht.

    Gut, ich bin ein Nachtmensch und kann es mir leisten, das auch auszuleben; mich trifft das also nicht. Aber wie soll ein Zuschauer eine solche Sendung sehen, der am nächsten Morgen um sechs oder sieben Uhr aufstehen muß?

    Aus den Programmen der ARD und des ZDF und auch der meisten Dritten sind Theater- und Opernübertragungen weitgehend verschwunden; man hat sie, wenn nicht gleich in den Theaterkanal, zu 3Sat und Arte abgeschoben. Und dort nun werden sie tief in die Nacht verfrachtet.

    Deutlicher kann man die Mißachtung von Kultur kaum zum Ausdruck bringen. Das einzige, was das gebührenfinanzierte Fernsehen überhaupt rechtfertigen kann - daß es sich leisten kann, auch ein wenig kulturorientiert zu sein -, wird so absolviert, als wolle man die Zuschauer einladen, von dieser Programmsparte nur ja keinen Gebrauch zu machen.



    Genug gemeckert. Zum Schluß das Positive, damit Sie nicht fragen müssen: "Und wo bleibt das Positive?" Hier ist es, und sie werden vielleicht überrascht sein, es hier in ZR zu lesen: Ich empfehle Musikfreunden das cubanische Staatsfernsehen, Cubavisión Internacional. Die Frequenzdaten findet man hier.

    Ich verfolge dieses Programm regelmäßig, seit Castro krank wurde und sich damit Veränderungen in Cuba abzeichneten, und habe Informationen aus diesem Programm auch hier in ZR immer wieder einmal verarbeitet.

    Diese politische Sendungen sind natürlich so, wie Fernsehen überall im Sozialismus ist: Zum Gähnen langweilig, einseitig und uninformativ, interesssant nur im Hinblick auf die politischen Tendenzen, die man aus ihnen ablesen kann.

    Empfehlenswert aber sind die Musiksendungen in Cubavisión. Viel gute caribische Folklore, auch anspruchsvolle Ballettsendungen. Und viel Jazz. Heute zum Beispiel eine Sendung über den und mit dem Jazzpianisten Frank Emilio. Sendezeiten 16.15 und 20.00 Uhr MEZ.



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    Zitat des Tages: Wer ruft da nach dem Staat? Die "Süddeutsche Zeitung" und der Liberalismus

    Dass ausgerechnet Liberale nach dem Staat rufen, wenn in der Wirtschaft die Preise steigen, mutet besonders seltsam an. Sind doch die Liberalen sonst immer die Verfechter von Staatsferne und Eigenverantwortlichkeit.

    Peter Blechschmidt in der heutigen "Süddeutschen Zeitung" in einem Kommentar mit der Überschrift "Der Benzinpreis- Reflex".

    Zuvor hatte Blechschmidt zitiert, was die Liberalen wollen: "Prompt fordert der fröhliche Mainzer [Rainer Brüderle; Anmerkung von Zettel] die Abschaffung der Öko- und der Kraftfahrzeug- Steuer. Sein Vorsitzender Guido Westerwelle möchte Benzin nur noch mit dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent belasten".

    Kommentar: Es ist schon einigermaßen unverfroren, den Vorschlag, Steuern zu senken oder abzuschaffen, als "nach dem Staat rufen" zu bezeichnen.

    Zumal es den "Ruf nach dem Staat" in Zusammenhang mit dem Benzinpreis ja wirklich gibt. Gregor Gysi und der saarländische SPD-Chef Maas haben unisono schon Ende April eine staatliche Preiskontrolle für Benzin und Diesel verlangt.

    Das freilich erwähnte der Kommentator Blechschmidt bei seiner Attacke gegen - so im Vorspann des Artikels - "Populisten" mit keinem Wort.

    Er wirft den Liberalen Etatismus vor und schont die wirklichen Etatisten. Er nennt die Liberalen Populisten und verschweigt, daß es zum Benzinpreis in der Tat populistische Fordernungen gibt; freilich aus den Reihen der Kommunisten und der Sozialdemokraten.

    Als "linksliberal" wird die "Süddeutsche" gern tituliert. Ich frage mich seit langem, was an dieser Zeitung denn wohl liberal ist.



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    Monday, May 12, 2008

    Zwei Meldungen zur Präsidentschaftswahl in den USA. Erkennen Sie Original und Fälschung? Und etwas über Muscheln auf Sylt

    Hier sind zwei ähnlich klingende Meldungen zu den Kandidaten McCain, Clinton und Obama. Allerdings besagt die eine das Gegenteil der anderen. Eine ist echt. Eine habe ich gefälscht:

    Meldung A:
    McCain würde gegen Obama und Clinton gewinnen

    Laut einer Umfrage der 'Los Angeles Times' vom Wochenende würde sich der bereits feststehende Kandidat der Republikaner, John McCain, sowohl gegen Obama als auch Clinton durchsetzen. Das Duell mit Clinton würde der Senator aus Arizona mit 49 zu 46 Prozent gewinnen. Gegen Obama würde er 48 Prozent erzielen, einen Punkt mehr als der Senator aus Illinois. Die Fehlerquote der Erhebung lag bei drei Prozentpunkten.
    Meldung B:
    McCain würde gegen Obama und Clinton verlieren

    Laut einer Umfrage der 'Los Angeles Times' vom Wochenende würden sowohl Obama als auch Clinton sich gegen den bereits feststehenden Kandidaten der Republikaner, John McCain, durchsetzen. Das Duell mit Clinton würde der Senator aus Arizona mit 38 zu 47 Prozent verlieren. Gegen Obama würde er 40 Prozent erzielen, sechs Punkte weniger als der Senator aus Illinois. Die Fehlerquote der Erhebung lag bei drei Prozentpunkten.
    Meldung B ist die echte. Sie stand gestern um 17:49 Uhr in "Welt Online". Überschrift: "McCain würde gegen Obama und Clinton verlieren". Grundlage des Berichts von "Welt Online" ist ein Artikel in der Los Angeles Times vom vergangenen Samstag, in dem über eine Umfrage im Auftrag der Los Angeles Times berichtet wurde. Erhebungszeitraum war der 1. bis 8. Mai.

    Meldung A habe ich gefälscht.

    Was soll das Spielchen? werden Sie fragen. Nun, das Spielchen soll illustrieren, wie problematisch derartige Meldungen sind.

    Gefälscht ist nämlich nur, daß es die Los Angeles Times war, die die Daten in Version A publizierte. Tatsächlich habe ich sie dem Wikipedia- Artikel "Nationwide opinion polling for the United States presidential election, 2008" entnommen, der, ständig aktualisiert, die Ergebnisse der Umfragen zu den Wahlen am 4. November bringt. Die Daten, die ich in die Meldung eingesetzt habe, wurden von Gallup im Aufrag von USA Today erhoben; Erhebungszeitraum 1. bis 4. Mai.



    Wie kommt es, daß zwei gleichermaßen renommierte Institute im gleichen Zeitraum zu so unterschiedlichen Werten kommen? Bedeutet das nicht, daß man der Demoskopie nicht trauen kann?

    Doch, man kann ihr trauen. Man muß aber verstehen, auf welcher Grundlage sie funktioniert.

    Im Vorspann zu der ausführlichen Auflistung der aktuellen Daten von Gallup schreibt USA Today etwas zur sogenannten Fehlermarge, in Deutschland seltsamerweise und sehr mißverständlich oft "Fehlerquote" genannt. Mißverständlich deshalb, weil es sich keineswegs um eine Quote, also einen Anteil handelt, sondern eben um eine Marge. Ein Intervall also, einen Bereich, eine Abstand:
    For results based on the total sample of national adults, one can say with 95% confidence that the margin of sampling error is ±3 percentage points.

    Für die Resultate, deren Grundlage die Gesamtstichprobe von Erwachsenen aus den gesamten USA ist, läßt sich mit einer Zuverlässigkeit von 95 Prozent aussagen, daß die Marge des Stichprobenfehlers plus minus drei Prozentpunkte beträgt.
    So ist es. Nur fürchte ich, daß viele ohne Ausbildung in Statistik, die etwas von einer "Fehlerquote von drei Prozent" lesen, das nicht richtig verstehen. Lassen Sie es mich an einem Beispiel erläutern:

    Nehmen wir an, am Strand von Sylt liegen 50 Prozent schwarze und 50 Prozent weiße Muscheln. Ich gehe an diesem Strand entlang, hebe völlig zufällig Muscheln auf und lege sie in meinen Korb. Wenn ich das oft genug getan habe, ist es wahrscheinlich, daß von den Muscheln im Korb ungefähr die Hälfte schwarz und die Hälfte weiß sind.

    Aber das ist nur wahrscheinlich; es ist keineswegs sicher. Möglich ist es auch, daß ich zufällig nur schwarze oder fast nur schwarze Muscheln gegriffen habe. Jede Proportion von schwarzen und weißen Muscheln in meinem Korb ist möglich.

    Warum sind nicht alle Proportionen von schwarz zu weiß gleich wahrscheinlich?

    Daß alle Muscheln, die ich aufgehoben habe, schwarz sind, ist sehr unwahrscheinlich, weil es nur eine einzige Sequenz gibt (ich muß jedesmal eine schwarze Muschel aufgehoben haben, also SSSSS usw.), die zu diesem Ergebnis führt.

    Daß die Hälfte schwarz und die Hälfte weiß sind, ist viel wahrscheinlicher, denn es gibt viele Sequenzen, die zu diesem Ergebnis führen (schon bei vier Muscheln, die ich aufhebe, zum Beispiel SSWW, SWSW, WWSS, WSWS, WSSW, SWWS).

    Allgemein: Je mehr Sequenzen es gibt, die zum selben Ergebnis führen, umso wahrscheinlicher ist dieses Ergebnis. Aber möglich ist auch jedes andere.

    Auf die Demoskopie übertragen bedeutet das: Wer US-Bürger nach ihrer Präferenz für Obama oder McCain fragt, der kann, wenn er Pech hat, in seiner Stichprobe 70 Prozent Zustimmung für Obama bekommen, obwohl in Wahrheit 60 Prozent McCain wählen wollen. Das ist möglich, es ist nur sehr unwahrscheinlich. Aber gegen einen solchen Fall gibt es für den Demoskopen keinen absoluten Schutz.

    Es gibt nur so etwas wie einen relativen Schutz. Der Demoskop kann ausrechnen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, daß ihm ein solches Malheur passiert. Und er kann dann Vorsorge dafür treffen, daß diese Wahrscheinlichkeit nicht größer ist, als er sie zu tolerieren bereit ist.

    Dazu muß der Demoskop erstens definieren, was er als ein Malheur betrachtet. Und er muß zweitens festlegen, welches Risiko er einzugehen bereit ist, daß ihm ein solches Malheur widerfährt.

    Für beides gibt es eine Konvention, auf die sich die Demoskopen geeinigt haben: Ein Malheur ist es, wenn der gemessene Wert um mehr als drei Prozentpunkte von dem wahren Wert abweicht. Und das Risiko eines solchen Malheurs sind sie einzugehen bereit, wenn die Wahrscheinlichkeit, daß es auftritt, bei nicht mehr als fünf Prozent liegt.

    Aus beiden Festlegungen zusammen ergibt sich daß man mindestens rund tausend Menschen befragen muß. Das kann man ausrechnen.



    Abweichungen zwischen den Ergebnissen der einzelnen Institute sind also etwas völlig Normales; auch größere Abweichungen. Erstens, weil auch ohne das Malheur damit gerechnet werden muß, daß die eine Umfrage um drei Prozentpunkte nach unten, die andere nach oben vom wahren Wert abweicht. Macht einen Unterschied von sechs Prozentpunkten zwischen den Daten der beiden Institute, ganz ohne ein Malheur. Und dann kann noch das Malheur passieren, in prinzipiell beliebiger Höhe.

    Kann man dennoch zu relativ sicheren Vorhersagen kommen? Ja, und zwar durch das Zusammenfassen (Aggregieren) von Daten.

    Das kann man entweder so machen, daß man die Daten mehrerer Institute zusammenfaßt (Poll of Polls). Oder ein einzelnes Institut kann seine Umfrage immer wieder - im Extremfall täglich - wiederholen und die Daten aus diesen einzelnen Durchgängen zusammenfassen.

    Das Letztere tut Gallup zu den Präsidentschaftswahlen. Die Umfrage wird täglich durchgeführt, und die Ergebnisse von jeweils fünf aufeinanderfolgenden Tagen werden in einem gleitenden Mittelwert zusammengefaßt. "Gleitend" (Englisch Running Average) deswegen, weil jeden Tag der neue Wert hinzukommt und dafür der älteste herausfällt; es gleitet also gewissermaßen ein Fenster über die Daten hinweg.

    Und was sagt nun dieser gleitende Mittelwert über McCain und Obama? Hier sind die Daten der letzten zehn Tage (1. bis 10. Mai) für die Frage, wen der beiden man gegenwärtig wählen würde:

    Obama: 42, 42, 42, 43, 45, 46, 46, 46, 46, 47

    McCain: 48, 48, 47, 47, 46, 45, 45, 45, 45, 44

    Es gibt einen Trend zugunsten von Obama. Am 1. Mai lag McCain noch mit 48 zu 42 vorn; am 10. Mai hatte Obama einen Vorsprung von drei Prozentpunkten.

    Die Fehlermarge beträgt bei diesen gleitenden Mittelwerten nur zwei statt der üblichen drei Prozent. Es wäre also kein Malheur für die Demoskopen von Gallup, wenn am 1. Mai der wahre Wert für Obama 44 und für McCain 46 Prozent betragen hätte, und am 10. Mai für Obama 45 Prozent und 46 Prozent für McCain.

    Wahrscheinlicher ist es aber, daß gegenwärtig Obama einen kleinen Vorsprung hat. Vor zwei Wochen war es noch anders. In zwei Wochen kann es wieder anders sein.

    Daraus irgend etwas über die Wahlaussichten abzuleiten wäre so, als würde man aus dem schönen Wetter am heutigen 12. Mai schließen, daß auch am 4. November die Sonne scheinen wird.



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